Interview im Plagazin POSTR No4 - Text Michael Dilly über Emanuela Danielewicz

Älteres Interview von Michael Dilly
im Plagazin: POSTr No4 / Bochum, 2017

Emanuela Danielewicz im Interview von Michael Dillinger
ED im Interview POSTR No 4 / von Michael Dilly



SPRUDEL

Das Café Treibsand in Bochum ist der Ort, an dem wir uns mit der Fotografin
Emanuela Danielewicz treffen. Das Café befindet sich gerade inmitten einer
Baustelle. „Wo ich bin, sind früher oder später Baustellen.“ sagt Emanuela, während
wir ins Café hineingehen. Drinnen ist es heimelig, wir bestellen Getränke. Emanuela
nimmt Tee. Darjeeling. Peter und ich nehmen Stilles Wasser. Es braucht nicht lange,
dann sprudelt es aus Emanuela heraus. Dabei beobachtet sie unsere Reaktionen aus
den Augenwinkeln, horcht zwischendurch in sich hinein. Alles geht geschwind.

Zuvor hatten wir telefoniert. Emanuela wollte genau wissen, was wir vorhaben.
Eigentlich wollte sie wissen, mit wem sie es hier zu tun hat. Telefoniert haben wir
beinahe eine Stunde. Ein nettes Gespräch mit der wichtigen Information: „Es kann
sein, dass ich kaum rede oder viel. Kann auch sein, dass ich Dich interviewe und
danach vielleicht etwas über Dich schreibe. Dann drehen wir die Sache sozusagen
einfach um. Wie wäre das?“
Verstehe, hier muss Luft im Spiel sein. Das denke ich
auch, und wir sind uns einig. Bei unserem Treffen in Bochum schweben dann viele
Themen durch den Orbit.

Emanuela hat sich gegen das Schweigen entschieden.


Die Luft im Café Treibsand wechselt Farben. Ein alter Mann mit Zylinder auf dem Kopf
kommt herein und bietet Kaleidoskope an. Wir kaufen ihm eins ab, lassen es reihum
gehen und sehen hindurch. Draußen hält ein Zirkuswagen und heftet dem
Baustellenbagger ein Flugblatt an die Windschutzscheibe. Dann fährt er weiter. Die
Zirkusmusik aus dem Lautsprecher entfernt sich und wir hören noch „Verpassen Sie
nichts!“

Emanuela Danielewicz ist unter anderem Fotografin. Selbst fotografiert zu werden
mag sie nicht. Sie denkt schnell. Wechselt scheinbar sprunghaft von einem Gedanken
zum anderen. Und kommt dann plötzlich auf einen Punkt. Kreist die Dinge ein.
Nähert sich an. So erzählt sie von ihrer Jugend in Polen, von den Stationen ihres
Lebens.

Derzeit lebt sie halt in Bochum. Und dort hat ihr Urgroßvater vor Zeiten den
ersten polnischen Verein Deutschlands gegründet. Und das wurde Emanuela erst
kürzlich gewahr. Zufall, Fügung oder sonst etwas? Man weiß es nicht.
Bemerkenswert ist es allemal. Vor allem, weil Emanuela ihrerseits
Initiatorin & Gründungsmitglied der „Kosmopolen“ ist. Könnte ein Verein polnischer Künstler sein. Ist es nicht, aber auch. Wie bei allem, ist auch diese Angelegenheit
vieldimensional. „Wir schaffen freie Räume.“ Künstlerisch, politisch,
generationenübergreifend, spartenübergreifend.

Die Kosmopolen waren mir vorher schon begegnet mit der einen und anderen
Veranstaltung. Konzert, Lesung, Ausstellung, Filmvorführung … Emanuela denkt
gerade über ein Musikfestival mit zeitgenössischer Musik nach. „Mal sehen . . .“ .

Von draußen hört man, wie der Zirkuswagen sich wieder nähert. „Damen und Herren,
kommen Sie vorbei! Sensationen aus aller Welt! Verpassen Sie nichts!“.

Wir sehen uns an. Dann reden wir kurz über Exilkultur, flugs darauf über Emanuelas Initialzündung als Fotografin in Polen. Sehr kurz darauf reden wir über Zufälle, über ihren Urgroßvater, über schicksalhafte Begegnungen und landen wieder bei der Exilkultur. Emanuela sagt das Wort „Verschachtelungen“. Und dass alles auch immer von einer gewissen Poesie durchdrungen ist. Ich höre einfach nur zu.

Dann sagt sie: „Verstehst Du nicht, oder?“
Ich antworte: „Ich verstehe generell wenig. Ein altes Problem.“ Kurze Stille.
Spätestens jetzt verstehen wir uns.

Irgendwann willigt Emanuela sogar ein, sich fotografieren zu lassen. „Ich vertraue euch.“ Später wird Peter die lange Belichtungszeit einer halben Sekunde wählen, während Emanuela Bewegung ins Spiel bringt und der Sache die Schärfe nimmt.

Als sie ein junges Mädchen war, damals in Polen, wurde sie einmal fotografiert.
Währenddessen hatte sie eine Art Erweckungserlebnis. Während Emanuela also vor
der Kamera stand, sah sie sich selbst förmlich hinter die Kamera wandern. Einfach so.
Als hätte sich ihre Seele selbständig dorthin begeben. Emanuela erzählt leise und
beinahe andächtig davon. Stockt dabei auch ganz leicht – zum ersten Mal. Es hat
etwas von einem heiligen Augenblick. Wir hören ebenso andächtig zu und fühlen uns
geehrt, dass sie uns tiefer blicken lässt. Ihre erste Kamera bekam sie mit 15 von ihrem
Vater geschenkt. Das war eine Canon AE1. Später erzählt sie von ihrem Studium in
Essen – als dort alles im Umbruch war. „Wieder eine 1a Baustelle.“ Draußen wirft der
Baggerfahrer das Flugblatt des Zirkusses zur Seite und den Bagger an.

Was mag sie eigentlich am Ruhrgebiet? Warum hält es sie hier? „Das Ruhrgebiet ist
ein großer Raum für Lebenserfahrung. Man kann zum Beispiel rausgehen und
strahlen … aber man muss nicht. Es ist wichtig, dass man sich immer wieder
zurückziehen kann. Für Künstler ist das wichtig, einen Ort der Ruhe zu
haben.“
Ruhegebiet, verstehe.

Vor dem Café wird gebuddelt. Wir sitzen drin. Die Musik ist angenehm. Peter richtet
die Kamera ein.

Emanuela hatte zuerst nicht geplant, Fotografin zu werden – also mit Brief und
Siegel. „Aber es wollten immer mehr Menschen von mir portraitiert werden. So war
es einfach. Und außerdem ist Fotografie eine Möglichkeit, sich still mitzuteilen.“

Wir sind froh, dass sie heute nicht still war. Und dass sie bereit war, von hinter der
Kamera nach vorne zu treten. Dass der Horizont sich etwas geweitet hat.

Im Café Treibsand hängt eine Landkarte von der Küste Südfrankreichs. Da muss ich
auch mal wieder hin, denke ich. Aber morgen geht es erst einmal zur Imbissbuden-
Betreiberin Irma. Ich hatte Emanuela gefragt, an wen sie uns weiterreichen möchte.
Sie sagte: „Oh, ich kenne so viele Leute. Zu wem würdest Du mich denn schicken?“ Ich
erzählte ihr von Irma. „Dann geh dort hin!“

Als wir aus dem Café treten, hebt Peter das Zirkusflugblatt auf. „Jetzt auch in Ihrer
Stadt. Zirkus Polskiewicz. Nur sitzen und staunen!“
Er drückt ihn dem Baggerfahrer
in die Hand – zusammen mit dem Kaleidoskop.

Wir verabschieden uns von Emanuela. Auf ihrer Stirn entdecken wir plötzlich ein drittes Auge. Sie streicht schnell ihre Haare darüber, lächelt und entschwindet.

 

 

Interview von Michael Dilliy
 

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